Nein, liebe Mitglieder. Man muss nicht erst am Boden zerstört sein, um zu einer Suchtberatung zu gehen.
Und es ist auch nicht so, dass man dort reingeht und plötzlich werden die Tore zugemacht und man kommt nicht mehr raus.
Ich persönlich habe die Suchtberatung so kennengelernt: Ich habe dort angerufen und einen Termin ausgemacht. Und selbst wenn dort beim ersten Anruf mal niemand ans Telefon gegangen ist, wurde zurückgerufen. Also überhaupt kein Drama.
Man muss auch nicht völlig am Boden liegen, um sich dort Hilfe zu holen. Wenn man einfach das Gefühl hat: „Irgendwie stimmt da etwas nicht. Vielleicht brauche ich Hilfe oder möchte mich erst einmal informieren“, dann ist das völlig in Ordnung.
Und ich glaube, genau hier liegt schon das erste Problem: Wenn man das Wort „Suchtberatung“ hört, denkt man vielleicht automatisch an Sucht, Abhängige und Menschen, bei denen schon alles komplett aus dem Ruder gelaufen ist.
Aber so ist es eben nicht.
Sucht kann ganz unterschiedliche Formen haben. Das kann Alkohol sein, Drogen, Spielsucht, problematisches Computerspielen oder auch ein problematischer Umgang mit Handy und Internet. Die Themen sind ziemlich vielseitig.
Der Begriff „Suchtberatung“ hört sich für mich deshalb manchmal viel größer und dramatischer an, als das eigentliche Angebot dahinter ist.
Vielleicht müsste man das Ganze sogar etwas freundlicher benennen.
Irgendwas in Richtung: „Hilfe, ich mache mir Sorgen um meinen Konsum“ oder „Ich mache zu viel – kann mir jemand helfen?“
Keine Ahnung, ob das der perfekte Name wäre.
Denn man muss dort nicht auftauchen und sagen:
„Hallo, ich bin abhängig und brauche jetzt sofort eine Therapie.“
Man kann auch einfach sagen:
„Irgendwie mache ich mir Gedanken über meinen Konsum. Ich weiß nicht genau, ob ich ein Problem habe. Können Sie mir dabei helfen?“
Und genau dafür kann eine Suchtberatung da sein.
Man kann dort Fragen stellen, sich informieren und gemeinsam schauen, was überhaupt sinnvoll sein könnte. Man muss beim ersten Gespräch noch keinen fertigen Plan in der Tasche haben.
Und ein Punkt war für mich dabei besonders wichtig: Man kann dort offen über seine Situation sprechen. Die Gespräche unterliegen grundsätzlich der Schweigepflicht. Man muss also nicht mit dem Gedanken hingehen: „Wenn ich jetzt alles erzähle, weiß morgen die ganze Welt Bescheid.“
Natürlich kann eine Suchtberatung auch dabei helfen, die nächsten Schritte zu finden. Vielleicht wird erst einmal genauer geschaut, was eigentlich los ist. Oder es werden weitere Möglichkeiten besprochen, zum Beispiel eine ärztliche Abklärung, eine Therapie oder andere Unterstützungsangebote.
Wenn ihr also irgendwann denkt: „Da ist irgendwas. Vielleicht habe ich ein Problem und möchte einfach mal wissen, was ich tun kann.“ – dann ruft dort einfach an.
Fragt nach, macht einen Termin und geht hin.
Ihr müsst nicht erst völlig fertig sein, bevor ihr euch Hilfe holen dürft.
Die Leute dort machen das schließlich nicht zum ersten Mal. Das sind ausgebildete Fachleute, die sich mit solchen Situationen auskennen und vor allem auch zuhören.
Und nein, die sitzen da nicht mit dem großen Verhörschein und bohren einen aus.
„Was ist eigentlich los und was könnte für dich der nächste sinnvolle Schritt sein?“
Genau das fand ich persönlich hilfreich.
Man geht dort also nicht hin, weil man bereits alles wissen muss.
Man geht hin, weil man etwas wissen möchte.
Und manchmal ist genau dieser erste Anruf schon der Anfang davon, dass sich etwas verändert.
Wie war das bei euch?
Habt ihr schon einmal eine Suchtberatungsstelle genutzt?
Wie war euer erster Kontakt?
Hattet ihr vorher vielleicht auch Bedenken oder Vorstellungen, die sich später als völlig anders herausgestellt haben?
Und was hat euch bei der Suchtberatung besonders geholfen?
Vielleicht hilft eure Erfahrung gerade jemandem, der noch vor dem Telefon sitzt und sich fragt: „Soll ich da wirklich anrufen?“
LG.Lifeline