„Vier Stationen, ein Ziel!“ – Wie läuft die Behandlung eigentlich ab?
Das ist so eine Sache. Wenn man irgendwann feststellt: „Okay, ich habe ein Problem mit Alkohol oder einem anderen Suchtmittel – was mache ich jetzt eigentlich?“, steht man erst einmal ziemlich ratlos da. Zumindest ging es mir so. Ich wusste zwar, dass ich ein Problem hatte, aber von den ganzen Möglichkeiten, Anlaufstellen und Zusammenhängen hatte ich eigentlich keine Ahnung.
Was macht man als Erstes? Wo geht man hin? Mit wem redet man darüber?
Bei mir war die erste Anlaufstelle mein Hausarzt. Das klingt jetzt vielleicht ganz einfach: „Dann geh halt zum Arzt.“ Aber so einfach war es für mich natürlich nicht. Schließlich musste ich dort offen und ehrlich sagen: „Hier stimmt etwas nicht. Ich brauche Hilfe.“ Und genau das fiel mir damals ziemlich schwer. Ich weiß auch nicht, ob ich alleine hingegangen wäre. Meine Frau hat mich damals dabei unterstützt. Wir haben gemeinsam einen Termin gemacht und sind zusammen zum Hausarzt gegangen. Damit war für mich die erste große Hürde genommen und gleichzeitig die erste richtige Kontaktaufnahme.
Wir haben ihm erzählt, dass ich ein Alkoholproblem habe und nicht weiß, wie es jetzt weitergehen soll. Mein Arzt hatte damals ziemlich schnell eine klare Empfehlung: Therapie. Am besten stationär in einer Klinik, ungefähr drei Monate. Und da gingen bei mir natürlich sofort die Gedanken los: „Therapie? Drei Monate? Weg von zu Hause? Und soll das jetzt wirklich mein Problem lösen?“ Zumal ich mein Problem zu diesem Zeitpunkt ja selbst noch gar nicht vollständig verstanden hatte. Da war also nicht nur die Hoffnung, dass sich etwas ändern könnte, sondern auch jede Menge Angst und Unsicherheit. Was passiert jetzt eigentlich? Was kommt da auf mich zu?
Trotzdem haben wir gemeinsam entschieden: Okay, wir machen das. Der Arzt kümmerte sich um einen Therapieplatz. Das könne relativ schnell gehen, aber auch etwas länger dauern. Bei mir ging es tatsächlich schneller als gedacht. Nach ungefähr anderthalb Monaten hatte ich bereits einen Therapieplatz. Und allein diese Nachricht hat schon etwas verändert. Meine Familie merkte, dass ich jetzt tatsächlich etwas unternehmen wollte. Dadurch wurde die Situation zu Hause erst einmal etwas ruhiger. Es war nicht plötzlich alles gut – aber es war ein Anfang.
Dann begann allerdings erst einmal die Wartezeit. Und ja – in dieser Zeit habe ich weitergetrunken. Das war aber nicht einfach nach dem Motto: „Na dann trink halt weiter, die Therapie kommt ja noch.“ Wir hatten den Arzt damals auch ganz konkret gefragt, wie das jetzt eigentlich mit dem Alkohol aussieht. Schließlich war ich abhängig und konnte nicht einfach von heute auf morgen sagen: „So, ab heute nichts mehr.“ Auch darüber haben wir mit dem Arzt gesprochen. Seine Aussage war sinngemäß, dass die eigentliche Entgiftung und die weitere Behandlung dann im Rahmen der Therapie stattfinden würden. Bis dahin sollte ich die Situation beobachten. Gleichzeitig hat er meiner Frau ganz klar gesagt: Wenn es deutlich schlimmer wird oder sich mein Zustand verändert, unbedingt sofort einen Arzt rufen. Ich möchte das hier bewusst nicht so darstellen, als hätte mein Arzt gesagt: „Kein Problem, trinken Sie einfach weiter.“ Das wäre falsch und würde dem Gespräch auch nicht gerecht werden. Er hat das eher vorsichtig und etwas „durch die Blume“ erklärt, weil natürlich klar war: Wenn jemand alkoholabhängig ist, kann ein plötzliches Absetzen des Alkohols auch problematisch werden.
Für mich war damals einfach wichtig: Die Therapie kommt und dort wird das Ganze professionell angegangen. Dann kam irgendwann der Anruf: „Da ist jetzt ein Therapieplatz frei. An dem Datum können Sie anfangen.“ Jetzt wurde es plötzlich konkret. Also noch einmal alles klären, mit dem Arbeitgeber sprechen und die letzten Dinge organisieren. Aus dem Gedanken „Irgendwann mache ich eine Therapie“ wurde auf einmal: „Okay – jetzt geht es wirklich los.“
Station 1: Die Entgiftung
Die erste Station war für mich die Entgiftung. Ich wurde ungefähr eine Woche stationär behandelt und dabei entsprechend beobachtet. Ganz ehrlich: Prickelnd war diese Erfahrung für mich nicht gerade. Man kommt dort mit Menschen zusammen, die ebenfalls mit Suchtproblemen zu kämpfen haben – Alkohol, Drogen und andere Abhängigkeiten. Aber genau dafür ist eine Entgiftungsstation schließlich da. Es ist kein Hotel und soll es auch nicht sein. Aber: Es war vollkommen ausreichend für das, was gemacht werden musste.
Man wurde medizinisch betreut und stand unter Beobachtung. Zur Außenwelt gab es zunächst nicht wirklich Kontakt. Raus durfte man nicht einfach. Das Handy konnte man abends ab einer bestimmten Zeit benutzen und damit natürlich auch Kontakt zur Familie halten. Und so komisch es vielleicht klingt: Für mich war diese Ruhe sogar ganz gut. Die Zeit vor der Entgiftung war ziemlich stressig gewesen. Die ganze Unsicherheit – was passiert mit meiner Familie, wie geht es weiter, was kommt jetzt? – war ständig im Kopf. Dort war erst einmal Ruhe.
In der Entgiftung hatte man außerdem mit verschiedenen Fachleuten zu tun: Ärzten, Betreuungspersonal, Sozialtherapeuten, Pädagogen und Suchttherapeuten. Und dort bekam ich auch erstmals richtig mit, was Gruppentherapie eigentlich bedeutet. Man setzt sich mit anderen zusammen und beginnt irgendwann, über sich selbst zu erzählen. Am Anfang war das für mich natürlich ungewohnt. Da sitzt man und denkt: „Jetzt bin ich hier. Und bringt mir das wirklich etwas?“ Damals wusste ich es noch nicht. Heute weiß ich: Es hat mir sehr viel gebracht.
Station 2: Die eigentliche Therapie
Nach ungefähr anderthalb Wochen war die Entgiftung abgeschlossen und ich wurde in den eigentlichen Therapiebereich aufgenommen. Andere Räume, anderer Tagesablauf – und jetzt begann die eigentliche Therapie. Plötzlich gab es einen richtigen Tagesplan, Gespräche, Gruppen, Suchtberatung und die Arbeit mit den Therapeuten.
Und ich muss tatsächlich sagen: Das hat irgendwann sogar richtig Spaß gemacht. Nicht unbedingt am ersten Tag. In eine Gruppe muss man erst einmal hineinkommen. Man muss sich an die anderen Menschen gewöhnen, sich aufeinander einstellen und lernen, miteinander klarzukommen. Aber genau daraus entstand mit der Zeit etwas, das für mich sehr wertvoll war. Man merkt plötzlich: Man ist mit seinen Problemen nicht alleine.
Die drei Monate waren natürlich nicht nur gemütliches Zusammensitzen. Da wurde ordentlich gearbeitet – an der eigenen Vergangenheit, am eigenen Verhalten, an den eigenen Gedanken und auch daran, wie es später draußen weitergehen soll. Im Nachhinein war es für mich eine richtig gute Reha-Erfahrung.
Nach ungefähr drei Monaten war die Therapie dann abgeschlossen. Und ich merkte schon während dieser Zeit, dass sich etwas verändert hatte. Ich hatte keinen Suchtdruck mehr, hatte mich selbst besser kennengelernt und auch mein Umfeld anders verstanden. Gleichzeitig hatte sich die Situation in meiner Familie zwischenzeitlich ebenfalls etwas beruhigt.
Aber dann kam der Moment, an dem ich die Klinik verlassen musste. Und plötzlich war da wieder dieses Gefühl: „Und jetzt? Schaffe ich das auch zu Hause?“ Denn eigentlich gilt: Nach der Therapie ist vor der nächsten Etappe.
Station 3 und 4: Nachsorge & Selbsthilfe
Direkt nach der Therapie war für mich die Suchtberatung wichtig. Ich hatte regelmäßig einen Termin – bei mir einmal in der Woche. Auch mit dem Suchttherapeuten gab es noch weitere Termine. Und dann kam für mich die Selbsthilfegruppe dazu. Auch dort bin ich regelmäßig einmal in der Woche hingegangen.
Und genau diese Dinge würde ich persönlich am Anfang auch nicht einfach weglassen. Weil man sich selbst immer wieder reflektieren kann. Man hört die Erfahrungen anderer, erzählt von seinen eigenen Erlebnissen und bekommt manchmal einen Blick auf eine Situation, auf den man alleine gar nicht gekommen wäre. Man spiegelt sich gegenseitig. Und ich finde, genau das ist ein wichtiger Teil der Nachsorge.
Dabei wird man nach der Therapie auch nicht einfach mit einem „So, jetzt kümmer dich mal selbst darum!“ nach Hause geschickt. Man bekommt Informationen, Ansprechpartner und Möglichkeiten aufgezeigt. Bei mir war zum Beispiel klar: Hier gibt es die Suchtberatung, dort kannst du hingehen. Und auch bei den Selbsthilfegruppen konnte ich mir aussuchen, welche Gruppe zu mir passt.
Denn irgendwann geht es natürlich darum, wieder selbst Verantwortung für sein eigenes Leben zu übernehmen. Aber gerade am Anfang kann so ein fester Anker unglaublich hilfreich sein.
Und dann kommt das Leben
Ich glaube, einen wirklichen Punkt „Therapieende – jetzt bin ich geheilt und alles ist erledigt“ gibt es für mich nicht. Denn draußen geht das Leben weiter. Während der Therapie ist man irgendwie in einer geschützten Umgebung – wie unter einer Glaskuppel. Und wenn man rauskommt, ist diese Glaskuppel weg. Plötzlich steht man wieder mitten im normalen Leben.
Da kommen Situationen, mit denen man vielleicht nicht gerechnet hat. Menschen trinken Alkohol. Irgendjemand erzählt einen blöden Spruch. Es gibt Stress auf der Arbeit, Ärger in der Familie oder einfach einen schlechten Tag.
Und genau dann kann die Selbsthilfe wieder wichtig werden. Man kann zum Beispiel sagen: „Guck mal, ich hatte gerade diese Situation. Wie wäre das bei euch gewesen? Wie geht ihr damit um?“ Und schon wird aus einer schwierigen Situation ein Gesprächsthema.
Für mich ist genau das ein wichtiger Punkt: Die Therapie hat mir gezeigt, wie ich anfangen kann. Die Nachsorge und die Selbsthilfe helfen mir dabei, weiterzumachen.
Vier Stationen, ein Ziel – aber der Weg hört nicht einfach mit dem Therapieende auf.
Und jetzt würde mich natürlich interessieren:
Wie seid ihr überhaupt in die Behandlung gekommen?
Wie habt ihr die Entgiftung erlebt?
Was hat euch in der eigentlichen Therapie besonders geholfen?
Wie war es für euch, wieder nach Hause zu kommen?
Und welche Rolle spielen Suchtberatung, Nachsorge oder Selbsthilfe heute noch für euch?
Erzählt gerne eure Erfahrungen.
Denn wie immer gilt: Jeder Weg ist anders – aber vielleicht hilft genau eure Erfahrung jemandem, der gerade noch ganz am Anfang steht.
Schön, dass du den Weg in die Diamanten Werkstatt (SSHG) gefunden hast. Dies ist dein geschützter Raum für Austausch und gegenseitige Unterstützung. Deine Privatsphäre steht bei uns an oberster Stelle.
„Vier Stationen, ein Ziel!“ – Drei Monate, die einiges verändert haben
„Vier Stationen, ein Ziel!“ – Drei Monate, die einiges verändert haben
Freie Entscheidung treffen, heißt Unabhängig zu sein.